8.3.2020 |”Mein Schrei” Rede von Grażyna Kania | Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung | Frauenkampftag

Grażyna Kania

Mein Schrei

In nur wenigen Minuten ist es 16.00 Uhr. In wenigen Augenblicken vereinen wir uns auf der ganzen Welt durch die Kraft eines globalen Aufschreis. Unabhängig von Hautfarbe, Nationalität, Staatsangehörigkeit, Religion, Geschlecht, unabhängig von ideologischen Unterschieden: lasst uns durch eine Minute des globalen Aufschreis unsere Solidarität mit den Frauen zeigen, die ihre Stimme heute nicht erheben können.

Jede von uns hat sicher nicht nur einen Grund zu schreien. Deswegen möchte ich euch sagen – bevor wir gleich unsere wunderbare Energie zeigen – warum ich heute hier mit euch zusammen schreien will.

Ich möchte schreien weil in dem Land, aus dem ich komme, in Polen, der von Ultrarechten organisierte Alltag bewirkt, dass Frauen ständig fürchten müssen, dass ihnen gerade jetzt, Schritt für Schritt, still und leise, Rechte vorenthalten werden, die sie schon lange als selbstverständlich angenommen hatten. Sie müssen fürchten, dass ihnen Raum und Freiheiten, die unsere Urgroßmütter, Großmütter und Mütter bereits erkämpft haben, eingeschränkt oder ganz genommen werden.

Denn immerfort gibt es neue Versuche, das ohnehin schon restriktivste Abtreibungsgesetz in Europa zu Verschärfen, oder Kinder in nationalistisch-religiösen Tendenz zu erziehen, Sexualerziehung unter Strafe zu stellen, oder sich aus der Anti-Gewalt-Konvention zurückzuziehen.

Ich möchte heute schreien, weil im 21. Jahrhundert, Feminismus in Polen als schädliche Unart gilt, und die Bestrebungen nach sogenannter “Normalität” eine Rückkehr in die Welt des Patriarchats bedeutet. Weil sexuelle Selbstbestimmung ein Privileg von Männer ist, und Frauen von reproduktiver Gerechtigkeit nur träumen können.

Ich möchte heute schreien, weil keine Frau in Polen sicher sein kann, vom Gesetzt geschützt zu werden, wenn sie vergewaltigt oder Opfer von Misshandlungen wird. Oder wenn ihr Unterhaltszahlungen trotz einschlägiger Gerichtsurteile dauerhaft verweigert werden.

Ich will heute schreien, weil polnische Neofaschisten mit Zustimmung der Regierung Unabhängigkeitsmärsche organisieren, weil pädophile Priester von der Kirche und mit stiller Unterstützung des Staates geschützt werden, weil religiöse Dogmen mit weltlichem Recht vermischt werden.

Ich will heute schreien, weil in einem Mitgliedstaat der EU “LGBT-freie Zonen” eingerichtet werden, weil nicht-heteronormative Menschen verfolgt, gedemütigt und schikaniert werden, weil geflüchtete Menschen von führenden Politikern nicht nur als Keimträger verunglimpft werden, sondern man ihnen sogar droht, auf sie zu schießen, sollten sie sich nur der polnischen Grenzen nähern. Ich will heute schreien, weil die Feminist*Innen Hexen geschimpft werden, denen man die Schädel rasieren und die man ins Gas schicken sollte.

Dies ist kein Lagebericht von vor 70 Jahren. Das geschieht heute, nur 100 Kilometer von hier entfernt, weniger als 1,5 Autostunden Richtung Osten.

Und ich möchte heute schreien, weil ich entsetzt bin, dass europäische, auch deutsche Politiker darauf nicht ausreichend reagieren und statt dessen mit polnischen Rechtspopulisten den sogenannten Dialog suchen.

Ich schreie heute, wenn ich an polnische Frauen, Mädchen, Lesben, Schwule, Menschen Trans, Queer, Inter, People of color und Nichtkatholiken denke, die aus kleinen Städten, aus Dörfern, aus patriarchalen Familien kommen, die Angst haben, auf die Strasse zu gehen und ihre Stimme zu erheben. Ich möchte ihnen Mut machen und sagen: ihr seid nicht alleine!

Was auch immer der Grund für euch sein mag, heute zu schreien, lasst uns gemeinsam unsere unbegrenzte Power mit diesem Aufschrei manifestieren. Lasst uns Kraft und Energie freisetzten, als eine Botschaft an die Welt.

Unser Aufschrei soll Ausdruck von Solidarität und eine Botschaft der Stärke an alle Menschen auf der ganzen Welt sein, die heute keine Stimme haben. Dieser Aufschrei soll ihnen helfen, ihre Menschenwürde zu schützen, sie an ihre eigenen Wert als Menschen und als soziale Individuen zu erinnern.

Wir sind viele. Wir haben Stimmen. Wir werden kämpfen bis unsere Stimmen gehört werden und unsere Forderungen in die Taten umgesetzt werden!

Wir haben Power.

Lass uns unsere Stimmen erheben, laut!

Fotos: Agnieszka Glapa:

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Photos:  Sabrina (https://www.formgefuege.de/) / BfsS:

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